Steinerne Herzen in der Idylle

Spannende Premiere: „Geschichten aus dem Wiener Wald“ in Passau

Unentwegt gibt es was zu feiern, und unentwegt erklingt im Hintergrund der Strauß-Walzer „Geschichten aus dem Wiener Wald“ bei der Premiere am Samstag Abend im Passauer Stadttheater. Das ist die Folie des nach der Straußschen Melodie benannten Volksstückes von Ödon von Horvath, 1930 geschrieben.

Wie blutvoll und aktuell die Charaktere heute noch sind, bewies das Südostbayerische Städtetheater. Theaterfuchs Volkmar Kamm inszenierte das dreiaktige Stück als sehr rasch ineinander fließenden Szenenreigen. Am facettenreichsten entfaltete Antonia Reidel ihre Rolle als Witwe Valerie. Die Trafikantin ist der eigentliche Motor der Geschehens, sie weiß um die Welt und die Liebe, um die Enttäuschung und den Betrug. Sie lebt dafür umso intensiver die Klischees von der heilen Welt und geht augenzwinkernd von einem Liebhaber zum nächsten über. Beim Anblick der nackten Marianne in einem Amüsierbetrieb brechen schließlich all ihre Schleusen und sie zeigt, wie sehr sie letztlich auch an ihrer eigenen Rolle als immer wieder abgelegte Geliebte leidet.

Ihr Gegenpol im Stück ist Marianne, die aus ihrer bürgerlichen Verlobung ausbricht. Anrührend stellt Stefanie Döbler das Aufbäumen gegen die Zwänge, das Scheitern der Liebe, den Zweifel an Menschen und Gott dar. Als ihr Kind stirbt, resigniert sie völlig. Versteinert erscheint sie im letzten Bild als Braut - und passt sich ein in die kalte Gesellschaft. Herzen aus Stein haben sie alle: an erster Stelle Alfred. Jochen Decker gibt ihn als Wiener Striezi, der gefährlich schnell von charmanter Unverbindlichkeit in knallharte Bedrohung umschlägt. Er ist die Figur, die wahrscheinlich am modernsten ist, weiß sich überall das zu holen, was er will. Die Großmutter, wundervoll zänkisch und hart dargestellt von Ursula Erb, beherrscht nur noch mit Geld und Gewalt ihre Familie; die Mutter (Paula Maria Kirschner) sieht seelenruhig einem Erstickungsanfall ihres Sohnes zu; der Zauberkönig (als hartherziger polternder und primitiver Patriarch von Klemens Neuwirth gespielt) verstößt seine Tochter; Oscar (Peter Bamler) versteckt sich hinter Gleichgültigkeit und Sprachfloskeln. Diese Distanziertheit und Gefühlskälte in verlangsamter Sprache ist höchst reizvoll. Etwas unterbelichtet, das Messer fast schon als Statussymbol legt Manuel Boecker seinen Havlitschek an. Regisseur Volkmar Kamm lässt diese Figuren eine sehr fein ausgearbeitete Körpersprache der Gewalt sprechen, aus der sich Marianne - und letztlich auch Valerie - nicht befreien können.

Die restlichen Protagonisten sind eher als Typen angelegt: Peter Pruchniewitz bringt viel Kolorit als Conferencier, wenn gleich die Rolle sehr an Joel Grey in dem Film „Cabaret“ orientiert ist - was hier durchaus Sinn macht. Holger Hildmann spielt einen Mister, der in die alte Heimat zurückkehrt, Julia Loibl ein kindisches Mädi, Marius Hubler einen Burschenschaftler, der sein Heil in der neuen Bewegung sucht, und Wolf Zehren einen Rittmeister mit Kriegserlebnissen. Da bedient der Regisseur die Klischees heftig, macht das Absurde dieser scheinbar heilen Welt noch krasser. Sehr originell ist das Bühnenbild mit rasch wechselnden, nostalgischen Kulissen, guter Lichtregie; die Kostüme sind aus der Zeit der 30er Jahre. Die Ausstattung von Tanja Hoffmann ist einfallsreich bis ins Detail, die musikalische Gestaltung durch Erich Löffelmann die Situation gut treffend. Am Ende wird - wieder einmal - gefeiert, diesmal Hochzeit. Die Welt scheint in Ordnung. Das Klischee stimmt wieder. „Jetzt trink ma no a Flascherl Wein“ - und pflegen weiter unsere Herzen aus Stein. Absolut sehenswert!

Edith Rabenstein
Passauer Neue Presse vom 06.06.2005

« Zurück zu den Pressestimmen